Adolescent Spirit

Ein Flashback vom Erwachsenwerden
(Bild: leonardo.ai)

Es ist 05:04 Uhr. Ich sitze in der Bahn. Normalerweise höre ich um die Uhrzeit irgendwelche Podcasts, die mich nicht gleich mit einer Fülle an Reizen überfluten. Das wäre früher undenkbar für mich gewesen und doch ist es heute so. Wahrscheinlich gehört auch das zum Erwachsenwerden dazu. An diesem Morgen spüre ich jedoch das alte Verlangen nach Musik. Im besten Fall finde ich mir unbekannte Songs, denn es gibt soviel gute Musik, die gar nicht von einer Person allein gehört werden kann.

Und wie es das Schicksal so will, sind in der von Spotify random generierten Songabfolge gleich mehrere mir unbekannte Lieder, die mir soviel Freude bereiten, dass mir dieser Morgen wohl auch noch länger mit einem überaus positiven Gefühl im Gedächtnis bleiben wird.
Denn genau in diesem Moment wird mir einmal mehr bewusst, welche Macht Musik über mich haben kann. Denn höre ich die passenden Songs zur rechten Zeit, bin ich ihr in Gänze ergeben.

Jake Bugg ist der damals erste Achtzehnjährige dessen Debütalbum in den UK Top 40 auf Platz Eins einsteigt.

Der springende Punkt ist allerdings, dass mich die Musik vom Stil an einen gewissen Vibe erinnert. Einen Vibe, der meine Zwanziger wohl mit am stärksten geprägt hat. Einen Abschnitt im Leben, in dem ein Gefühl von „so langsam musst du mal zusehen, dass du dein Leben in eine verantwortungsbewusste Richtung lenkst“ auf der einen und gleichzeitig ein Gefühl von kindlichem Klammern an der eigenen Jugend, die sich unaufhaltsam dem Ende neigt auf der anderen Seite. Ich sehne mich nach diesem Vibe. Plötzlich erinnere ich mich an Lieder, die ein fester Bestandteil dieser Entwicklungsphase waren. Und diese zuvor beschriebene Situation brachte die Absicht in mir hervor, eine Playlist zu erstellen. Ich wollte mir eine musikalische Untermalung für meine Erinnerungen schaffen. 

Früher hat man in seinen Sachen rumgekramt und alte, gebrannte CDs gefunden, die einem beim Anhören eigentlich das gleiche Gefühl gegeben haben. Heute brennen wir nicht mehr, wir erstellen einfach Playlists. Aber immerhin völlig legal, da Musik so zugänglich ist, wie nie zuvor (auch wenn das nochmal einen eigenen Beitrag wert ist). Das Ergebnis ist aber dasselbe. Beim erneuten Anhören von gewohnten Klängen werden verstaubte Synapsen reanimiert. Und während ich mich erinnert habe, welche Songs ich phasenweise unzählige Male angehört habe, rief ich gleichzeitig viele Emotionen aus besagter Zeit zurück ins Gedächtnis. Zwar hat die Musik inhaltlich nicht immer etwas mit dem genannten Vibe per se zutun, allerdings ist ein Großteil der Interpreten in einem ähnlichen Alter wie ich. Und ich glaube, dass sich, da sich die Menschen auf einer übergeordneten Entwicklungsebene in den meisten Fällen stark ähneln, das eben auch als eine unterbewusste Gemeinsamkeit zwischen unserer Gefühlslage und der Musik wiederspiegelt. Ebenso wirkt sich Musik in ihrer Zeit der Veröffentlichung ganz anders auf die jeweiligen Zielgruppen aus, als auf nachfolgende oder nicht der Zielgruppe zugehörigen gegenwärtigen Generationen. Zum Beispiel sind die Beatles für mich eine der, wenn nicht sogar die bedeutendste Band in der Geschichte der Pop-Kultur. Gleichzeitig behaupte ich aber, dass die Boomer-Generation einen Zugang zu den Songs der Beatles hatte, von dem sich die nachfolgenden Generationen wohl kaum ein Bild machen können. Einfach, weil geschaffene Kunst vom Zeitgeist beeinflusst wird und wer nicht Zeuge dessen geworden ist, kann Kunst immer nur in einem späteren „persönlichen“ Kontext begreifen.

Während ich so darüber nachdenke, bin ich ganz froh über den Soundtrack, der meine Zwanziger geprägt hat. Und ich höre mich zu jener Zeit sagen, dass die beste Zeit der Unterhaltungsmusik längst vorbei ist. Dass alles, was heute produziert wird ganz okay, aber nichts wirklich einzigartig ist. So habe ich lange gedacht, heute sehe ich das anders. Denn ich habe eine einzigartige Bindung zu den Tracks in der Playlist. Es ist keine einer bestimmten Stimmung angepasste Auswahl an Titeln. Viel mehr sind es musikalische Tagebucheinträge, die eine Zeitspanne des persönlichen Werdegangs beschreiben. Die mit mir alt werden und eine andere Wirkung auf mich haben, als auf nachfolgende Generationen. Die den Spirit meiner Jugend innehält.

Allein in den USA wurden über vier Millionen Tonträger des Debütalbums verkauft.

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